Muss trotzdem JedeR einen Beitrag leisten, wenn Roboter arbeiten? Ein persönliches Statement zur Wahl

JedeR muss einen Beitrag leisten – so zumindest die Theorie. Historisch betrachtet macht das ganze natürlich Sinn, denn wenn man manuell Äcker bestellt und Vieh züchtet, muss jedeR mitarbeiten, damit alle zu essen haben. Glücklicherweise haben wir aber das Privileg im Westen des 21. Jhd. leben zu dürfen. Wir sind längst zu einer Dienstleistungs- und Informationsgesellschaft geworden bzw. auf dem besten Weg dorthin. Künstliche Intelligenzen stellen präzisiere Diagnosen als Ärzte, Autos fahren nur deshalb noch nicht selbst, weil es keine passenden Gesetze gibt und Maschinen bauen andere Maschinen. Nicht nur verlagert sich die Art der Arbeit, die Automatisierung schreitet voran und vernichtet generell  Arbeitsplätze – und es ist gut so.

Wir stehen an der Schwelle zu einer Welt, in der es menschliche Arbeitskraft in vielen Bereichen nicht mehr braucht. Die Frage ist wie wir damit umgehen. Staaten versuchen die Dinge so zu organisieren, wie es bisher gemacht wurde. Gewachsene Großkonzerne scheitern aktuell genau an diesem Vorgehen – sie leben in der Vergangenheit. Während sie erfolglos Milliarden in die Digitalisierung investieren, machen Startups mit wenigen Leuten und wenig Geld das Geschäft. Es geht auch nicht mehr darum etwas zu produzieren oder zu besitzen, sondern um die Verarbeitung von Information – Netflix hat kaum eigene Filme, Spotify keine eigene Musik, Uber hat keine Autos, Amazon kaum Waren, Facebook keine eigenen Inhalte und AirBnB keine Wohnungen. Algorithmen kennen keinen 8h Tag und das Internet keine Landesgrenzen. Während Staaten verzweifelt versuchen diese Firmen zu regulieren stehen deren Nachfolger bereits in den Startlöchern – neue Technologien wie die Blockchain („Bitcoin“) ermöglichen es solche Geschäfte überhaupt ohne Mittelsmann und anonym abzuwickeln. An dieser Stelle scheitert die Regulierung völlig.

Werden Waren automatisiert produziert und Gewinne ohne menschliche Arbeitskraft erwirtschaftet, ist es auch nicht mehr notwendig dass jedeR einen Beitrag leistet – es braucht weniger ArbeitnehmerInnen um die Gesellschaft „am Laufen“ zu halten.  Der Preisdruck im Markt wird Unternehmen dazu zwingen genauso zu agieren. Spannend ist die Frage wie wir als Gesellschaft mit diesem Wissen umgehen. Wenn ein Überangebot an Arbeitskraft besteht, sinken die Löhne. Zwingt man die Leute dann auch noch zu arbeiten, bringt man sie vorsätzlich in einen finanziellen Engpass aus dem sie sich aus eigener Kraft kaum befreien können. Mindestlohn und Arbeitszeitverkürzung sind sinnvolle Zwischenlösungen, die aber nur die Symptome bekämpfen, weil die Arbeit, für die es Menschen braucht, weniger wird. Viel sinnvoller wäre es daher, den durch Automatisierung erwirtschaften Wohlstand gerecht zu verteilen (z.B. in Form eines Bedingungslosen Grundeinkommens, BGE). UnternehmerInnen sollen aus ihren Aufwänden und Risiken Profite generieren können, es ist aber nicht im Interesse der Gesellschaft, durch Patente und Lizenzen, jahrzehntelange Monopole zu schaffen. Es gilt hier einen Interessenausgleich zu schaffen, der im Zweifel zugunsten der Allgemeinheit entschieden werden muss.

Fallen durch die Automatisierung sowohl die Legitimation und Notwendigkeit als auch – durch Gesetzesänderungen und Maßnahmen wie einem BGE – der Zwang zur Leistungsgesellschaft weg, obliegt es jeder und jedem einzelnen das für ihn oder sie individuell Richtige zu tun. Sei es Forschung, soziale Arbeit, Kuchen backen, Brunnen schlagen oder Fernsehen – es obliegt dem Individuum. Jene die nicht mit besonderen Privilegien wie ausgezeichneten Fähigkeiten im Schlussrechnen, einem Onkel im Aufsichtsrat oder einer Millionenerbschaft gesegnet sind, hätten dann ebenfalls die Möglichkeit, ihr Leben nicht danach zu gestalten, wie die Fixkosten bezahlt und die Kinder ernährt werden können, sondern nach Gesichtspunkten wie z.B. ökologische und soziale Nachhaltigkeit oder einfach wie viel Spaß man hat. Dies würde zwangsläufig zu einer Umwälzung der Gehälter führen, sodass Arbeiten die keiner machen will besser bezahlt werden (müssten) als angenehme Büro-Jobs, was meines Erachtens wesentlich fairer ist und viel eher einem freien Markt entspricht. Der freie Markt funktioniert nur, wenn man frei entscheiden kann – auch gegen eine Teilnahme. In diesem Sinne geht es mir nicht um die Solidarität mit weniger Privilegierten, sondern das Recht auf Selbstbestimmung für alle.

Für mich ist die individuelle Freiheit das höchste Gut, dass es anzustreben gilt. Der Kapitalismus war der Versuch dies zu erreichen. Statt einer Zentralisierung der Macht im Staat sollten Individuen selbstbestimmt agieren können. Dass es nun weniger reiche Menschen als vorher reiche Staaten gibt, zeigt ebenso eindrucksvoll wie die Muster zur Gewinnmaximierung (Ausbeutung von Mensch, Tier und Umwelt, permanenter Krieg und Wiederaufbau), dass dieses System gescheitert ist. Jammern allein ist aber zu wenig: Es liegt an uns eine Vision zu entwickeln wie ein Gegenentwurf funktionieren kann. Statt diese Diskussion zu führen, wird über Arbeitsplätze – von denen es nie wieder genug geben wird – diskutiert. Statt darüber zu diskutieren, warum Starbucks weniger Steuern zahlt als jedes Kaffeehaus, wird in jedem Kaffeehaus die Registrierkasse eingeführt. Statt zu diskutieren wie man die Unmengen an Bargeldreserven, die Apple & Co in Steuer-Oasen geparkt haben, angemessen besteuert, wird die Kürzung der Mindestsicherung diskutiert und beschlossen. Statt für eine Umverteilung von oben nach unten zu kämpfen, verhalten wir uns in einer Mischung aus Schockstarre und Resignation ruhig und lassen uns erklären „Es ist Zeit“, was auch immer notwendig ist über uns ergehen zu lassen, um das Wirtschaftswachstum noch weiter anzukurbeln.

Weder ist das Wirtschaftswachstum ein menschliches Ziel, noch kommt es der Allgemeinheit zu Gute. Statt des Wirtschaftswachstums und den Arbeitslosenzahlen, sollte lieber erfasst werden, wie glücklich die Menschen sind und wie oft sie umarmt werden. Solange wir aber

  • die Leistungsgesellschaft und (Selbst-)Ausbeutung als notwendig und legitim erachten
  • nicht das System, das uns krank macht bekämpfen, sondern die Menschen die durch dieses System krank werden
  • die eigene Unzulänglichkeit sich genau das einzugestehen auf Fremde, Andersdenkende und Randgruppen projizieren
  • das kleinere Übel wählen um etwas noch Schlimmeres zu verhindern, statt für eine Vision zu stehen

wird sich auch absolut nichts zum Bessern verändern. Aber es muss besser werden – JedeR muss und kann einen Beitrag leisten.

(X) KPÖ Plus – Peter Postmann

 

Peter Postmann (26) aus Wien, hat Informatik studiert, berät Banken als Software Architekt im Bereich IT-Transformation und Digitalisierung, arbeitet selbständig an Blockchain Produkten und Dienstleistungen, ist Mitglied der Piratenpartei und Aktivist bei Wien Anders.
Kontakt: FacebookLinkedIn, peter@piratenpartei.at

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