Ungarische Nächte

„Die ungarischen Aktivist*innen meinen, nach dem Inkrafttreten der schärferen Orbán-Gesetze am 15. September, würde alles wieder viel schlimmer werden.“ Die Schriftstellerin El Awadalla fuhr die vergangenen Tage mehrfach nach Ungarn, um Menschen nach Wien zu bringen. In diesem Text berichtet sie über ihre Erlebnisse und Gedanken. Das „window of opportunity“ besteht wohl nur noch einige Tage. El Awadalla kandidiert übrigens für Wien Anders im 5. Bezirk und für den Gemeinderat. 

Ungarische Nacht

Am 7. 9. 2015 um 20 Uhr sind wir, zwei Frauen in einem Minivan (mit zwei Kindersitzen) von Wien weg gestartet, um Flüchtlinge aus Ungarn zu holen. Unser Ziel war, irgendwo zwischen Györ und Vámosszabadi Leute aufzuklauben, die dort auf der Straße unterwegs sein sollten.

An der Grenze Richtung Österreich gab es einen viele Kilometer langen Stau, vorne vom österreichischen Blaulicht, hinten vom ungarischen Blaurotlicht beleuchtet.

In Hegyeshalom fuhren wir zum Bahnhof, um zu schauen, ob nicht schon dort etwas zu tun sei. Da stand ein Zug, in dem ca. 50 bis 60 Flüchtlinge saßen oder gerade aus einem von Györ kommenden Zug einstiegen. Fünf oder sechs Polizisten standen herum. Wann der Zug fahren sollte, konnten wir nicht herausfinden. Wir warteten nicht auf die Abfahrt, weil es sehr kalt und windig war und zu regnen anfing.

Irgendwann bekamen wir die Nachricht, ein Zug mit 500 Leuten sei nach Wien unterwegs. Das war eine der vielen Falschmeldungen dieser Nacht. Tatsächlich kam um ca. 23.30 Uhr in Wien ein Zug aus Ungarn mit ca. 50 Leuten an. Das war wohl „unser“ Zug.

Wir fuhren also weiter Richtung Györ, verfuhren uns einmal und mussten das gesamte riesengroße Audi-Gelände umkreisen. Immerhin schafften wir es bis Vámosszabadi und fanden auch das Lager (immer geradeaus bis fast zur slowakischen Grenze). Dort war gerade ein Polizeieinsatz mit Blau- und Rotlicht und einem großen dunklen Fahrzeug im Gange, also fuhren wir weiter und konnten erst in der Slowakei umdrehen. Als wir wieder vorbeikamen, war immer noch Polizei auf der Straße vor dem Lager, das große Fahrzeug war aber weg. Wir beschlossen, dass zwei Frauen nicht genug sind, um hier stehenzubleiben und fuhren Richtung Györ, wo uns recht bald ein Polizeiauto mit Blaurotlicht entgegenkam, dicht gefolgt von einem Bus. Nachdem dort buchstäblich nichts ist, kann das Ziel nur dieses Lager gewesen sein.

In Györ war natürlich der Bahnhof unser Ziel. Dort davor und vor allem drinnen auf den Gängen und Bahnsteigen kampierten ganze Familien, zum Teil mit drei, vier Kindern. Um die zu holen, braucht man also mindestens zwei Autos.

Wir fanden eine schwangere Frau mit einem zehn Monate alten Kind, die wir mitsamt ihrem Ehemann (der des Englischen kundig war) und seinem Freund mitnahmen. Auf dem Bahnhof verteilten wir noch Kinderschuhe und -gewand. Dort haben sie wirklich nix. Ein Bub z.B. hatte überhaupt keine Schuhe, aber gerade für den hatten wir auch nix.

Die Rückfahrt war dann recht abenteuerlich. Unsere SMS-Begleiter*innen simsten Unterschiedliches zum Zustand an der Grenze bei Nickelsdorf. Wir beschlossen, es jedenfalls dort zu versuchen, töteten gleich nach Györ einen Hasen und fuhren trotzdem guter Dinge fast bis Hegyeshalom. Auf einer der Überkopf-Anzeigen gab es eine Staumeldung: 4km. Daraus schlossen wir, es wäre vielleicht besser, über Sopron oder Pamhagen zu fahren.

Wir haben uns für Sopron entschieden, weil wir hofften, da wären die Straßen besser. Das ist aber nur eine Hoffnung geblieben. Jedenfalls fuhren wir ca. um 4 Uhr über die Grenze. Ein Polizist hielt uns auf, wir lächten ihn freundlich an – und er ließ uns weiterfahren. Mittlerweile wussten wir auch, dass wir die Leute (entgegen früherer Nachrichten) zum Westbahnhof bringen sollten, weil der Hauptbahnhof voll sei.

Das Kleine musste noch ein Flascherl und eine frische Windel kriegen, also machten wir eine Rast und ich konnte endlich rauchen (apropos rauchen: Besonders die Männer sind ganz verrückt nach Zigaretten und Feuerzeugen). Um 5 Uhr waren wir am Westbahnhof, bekamen von einer freundlichen Eisenbahnerin ein Hauberl und Socken für das Kind und von einer Caritas-Frau einen Platz in einem Zug für die Familie. Die beiden Männer hatten nur noch auf dem Bahnsteig Platz. Dieser Zug stand nur als Ausweichquartier zum Rasten und Schlafen da. Es wurde uns aber gesagt, dass um 6.30 Uhr ein Sonderzug nach München fahren würde. Danach würden noch drei Sonderzüge heute fahren. Karten brauchen die Flüchtlinge nicht.

Wir haben ihnen also viel Glück gewünscht, sie haben sich bedankt und das wars. Und danke an alle, die uns mit ihren SMS auf dem Laufenden gehalten haben.


Absurde Nacht (2. Nacht)

Wir wollten in Wien um 19 Uhr losfahren, mit einem Auto. Und als wir diverse Decken, Kinderjacken etc. von einer Frau, die ein paar Ikea-Taschen voll zusammengesammelt hatte, abholen wollten, meldete sich noch eine Frau, die auch mitfahren wollte. Die Abfahrt verzögerte sich also gleich einmal. Wir holten dann noch Kindersitze von verschiedenen Orten und wollten uns in Nickelsdorf treffen. Die Frau war alleine im Auto, wir zu zweit. Die Situation schätzten wir so ein, dass das nicht gefährlich werden würde. Wir hatten also sieben Plätze, davon vier Kindersitze. In Nickelsdorf verzögerte sich das Pickerlkaufen (wir hatten schon eines, sie nicht), weil gerade das Internet ausgefallen war. Nach einigem Hinundher konnte sie doch ihr Pickerl (das ja eigentlich ein Auftrag zur Videoüberwachung ist) kaufen. Wir wollten ohne Umweg direkt nach Györ zum Bahnhof fahren – und wir haben uns daran gehalten. Richtung Österreich stand wieder ein längerer Stau zur Grenze hin, aber nicht so lang wie vorgestern.

In Györ war die Situation vollkommen anders als in der Nacht zuvor. Die Zelte in den Gängen waren weg, es waren insgesamt viel weniger Leute da. Der alte Mann mit den vielen kleinen Kindern war immer noch da.

Vor dem Bahnhof stand ein Krankenwagen vom Malteserorden, drinnen auf dem Bahnsteig drei Malteserinnen. Wir wollten sie fragen, ob sie unsere Mitbringsel übernehmen möchten. Aber sie waren vollkommen desinteressiert an allem, was rund um sie vorging. Wir könnten die Sachen in irgendein Lager bringen, sagten sie. Aber im Warteraum saßen Leute, denen kalt war. Wir haben die Damen also stehengelassen. Da waren noch zwei Frauen, Privatpersonen, die Deutsch, Englisch und ein bisschen Arabisch sprachen, recht engagiert und bei den Flüchtlingen ganz offensichtlich bekannt waren. Eine von ihnen sagte uns, wir sollten einfach Sachen verteilen, aber besser wäre es, auf den Zug von Budapest zu warten, denn da würden 60 Flüchtlinge kommen, die hier übernachten müssten. Während wir warteten, fuhr ein Zug mit Flüchtlingen nach Hegyeshalom. Von meinem Informanten an der Grenze erfuhr ich, dass dieser Zug erst heute Anschluss nach Wien haben würde.

Die Grenze zu Nickelsdorf sei frei, sagte er, er habe sie ein paarmal überquert, kontrolliert würden, wenn überhaupt, nur LKW.

Wir fanden dann eine Familie mit vier kleinen Kindern, die mitfahren wollten. Die Kinder wurden also in die Kindersitze verpackt, während ich mit einem Syrer drei volle Ikea-Taschen in den Bahnhof schleppte. Wir wollten sie in dem Warteraum verteilen, kamen aber dort schon ohne die Decken an. Pullover und Jacken waren als nächstes weg. Aber viele der Männer hätten Hosen gebraucht – und die waren ihnen alle viel zu lang und vor allem viel zu weit.

Als ich zu den Autos zurückkam, war die Familie auf neun Personen angewachsen. Es gab also Verhandlungen. Die Familie bestand aus zwei Cousins, deren Frauen und je zwei Kindern sowie einem erwachsenen Bruder oder Cousin. Das Missverständnis von Anfang an war, dass die
Leute glaubten, die kleinen Kinder würden nicht als Personen zählen und könnten als Schoßkinder fahren. Das wollten wir aber auf keinen Fall, um uns und auch ihnen Schwierigkeiten zu ersparen. Nach langwierigen Diskussionen blieben alle in Györ, weil sie sich auf keinen Fall trennen wollten, auch nicht, wenn wir eine zweites Mal fahren würden.

Mittlerweile war es 1 Uhr. Und wir waren zu müde, um noch einmal neue Leute zu finden. Die beiden ungarischen Helferinnen waren auch schon weg. Also fuhren wir leer zurück. Das klingt schon recht absurd, gab uns aber die Möglichkeit, ganz entspannt über die Grenze zu fahren und dort zu schauen, ob bzw. was kontrolliert wird. Stau gab es keinen mehr, auf der österreichischen Seite war Blaulicht zu sehen. Das war aber nur ein Polizeiauto in voller Kriegsbeleuchtung, samt blinkendem Warndreieck auf dem Dach. Weit und breit war kein Mensch zu sehen.

Spannend wurde es erst wieder kurz nach dem Flughafen. Auf den Überkopf-Anzeigen leuchtete das Warndreieck auf, darunter stand: Personen. Wir fuhren eher langsam. Ein Polizeiauto überholte uns und blieb bald stehen, vier Leute waren da auf dem Pannenstreifen unterwegs. Vielleicht fünfzig Meter weiter gingen noch zwei Leute. Wir nahmen sie mit. Das Absurde war jetzt, dass wir zwei Kindersitze montiert hatten, über die die beiden Burschen sich irgendwie drapieren mussten. Wir wollten nämlich nicht auf dem Pannenstreifen umbauen.

Die Frau im zweiten Auto, schon weiter zurückgefallen, fand noch mehr Leute. Sie nahm eine Frau, ein Kind und zwei Männer mit. Wir brachten alle zum Hauptbahnhof, wo – so mein Eindruck – alles etwas besser als am Westbahnhof organisiert ist. Dann fuhren wir noch einmal bis zum Flughafen zurück und wieder die A4 nach Wien herein, weil es da noch mehr Leute geben sollte. Wir fanden aber niemanden mehr.

Fazit 1: Zwischen Györ und Wien läuft es momentan recht gut. Leute abholen ist zur Lebensrettung nicht unbedingt notwendig, aber recht gut, um ihnen das Schlafen auf dem kalten Boden und das Warten ohne jede Infrastruktur zu ersparen. Im normal besetzten PKW muss man sich auf der Grenze keine Sorgen machen. Das könnte sich aber bald wieder ändern. Die ungarischen Aktivist*innen meinen, nach dem Inkrafttreten der schärferen Orbán-Gesetze am 15. September würde alles wieder viel schlimmer werden.

Fazit 2: Das Allerwichtigste für die Flüchtlinge ist, um jeden Preis zusammenzubleiben. Das ist alles, was sie noch haben: ihre Familien. Und ich glaube, das ist auch der Grund, warum sie sich auf so verrückte Umstände wie verschweißte und vollgestopfte LKW einlassen.


Meine 4. Nacht in Ungarn innerhalb von fünf Tagen/Nächten

Vorab einmal die Erklärung, warum wir immer in der Nacht fahren: Weil nämlich die meisten Beteiligten tagsüber der Erwerbsarbeit nachgehen.

Am 10. 9. sind wir also wieder nach Ungarn gefahren. Die Nacht zuvor haben wir Leute organisiert – und dann erfahren, dass eine größere Gruppe fahren will, also haben wir uns zusammengeschlossen (danke Kurto) und sind mit 19 Autos auf die Reise gegangen. Ich war die Reiseleiterin, als die ich mich angeboten hatte, nachdem am Sonntag beim großen Konvoi einiges Chaos ausgebrochen war (was bei ca. 180 Autos eh nicht anders zu erwarten war und nicht weiter kritisiert werden muss). Am Treffpunkt Praterparkplatz hielt ich also einmal eine Rede, die vor allem darin bestand, ein paar Punkte aus meiner Sicht zu erklären:

+ Wir fahren nach Györ zum Bahnhof; sollte irgendwer von irgendwem erfahren, dass irgendwo irgendwelche Leute auf der straße herumirren, so kann er oder sie gern den Konvoi verlassen, möge sich aber bitte bei mir abmelden, damit wir uns nicht über verlorene Autos Sorgen machen müssen. Einer bisherigen Erfahrung zufolge sind diese Verirrten sowieso nicht zu finden, weil sie auf irgendwelchen Feldwegen gehen, die wir als weitestgehend OrtsUNkundige nicht finden.

+ Wir bitten die Leute pro Auto eine Handynummer (sinnvollerweise Beifahrer*in, so vorhanden) bekanntzugeben und es wird eine SMS-„Zentrale“ geben.

+ Wir halten kurz an der Grenze, warten bis alle da sind, ihre Autobahnpickerl gekauft, das letzte bekannte Klo mitteleuropäischen Standards benutzt haben, und fahren im Konvoi zum Bahnhof Györ.

+ Die Dinge, die wir mitbringen, verteilen wir sinnvollerweise erst, wenn die Leute, die wir ins Auto laden, versorgt sind. Wir lassen nichts in Györ, was wir nicht einer konkreten Person übergeben haben, weil es dort kein Lager gibt. Also was in Györ nicht gebraucht wird, nehmen wir wieder mit und bringen es zum Roten Kreuz nach Nickelsdorf oder auf einen Wiener Bahnhof.

+ Immer zwei bis vier Autos organisieren sich, um Großfamilien möglichst geschlossen transportieren zu können.

Ein Auto musste noch vor Parndorf wegen Problemen daheim umkehren, dafür kamen dann zwei andere dazu. Schließlich waren wir 20 Autos, von denen eines Grenzkontrolle machte (also in unserem Sinn). In Nickelsdorf (Raststätte) mussten wir stehenbleiben, weil einige Leute Pickerl kaufen mussten, ein paar, die schon in Wien falsch abgebogen waren, nachzuckelten, und bei einem Auto der elektronische Schlüssel erst nach dem Einsatz fachmännischer Wunderhände sperren wollte. Während wir da herumstanden, kamen auch Leute an, die nach Röske fahren wollten.

Als wir wieder rollten, rief ich unsere Frau in Györ an (angekündigt hatte ich uns schon lange vorher, allerdings ohne die genaue Anzahl der Autos zu wissen). Sie sagte mir, wir sollten auf die Straße nach Vámosszabadi fahren, dort seien viele Leute zu Fuß unterwegs, aber auch viel Polizei, am Bahnhof selbst sei es ruhig, gerade sei ein Zug nach Hegyeshalom gefahren.

Ich beschloss für mich, diese Nachricht nicht per SMS an alle zu schicken, sondern wie geplant am Györer Bahnhof stehenzubleiben, um diese Neuigkeit zu diskutieren. Dort besprach ich mich kurz mit unserer Kontaktfrau, konnte dabei sehen, dass wirklich kaum Leute auf dem Bahnhof waren. Und die, die da waren, wollten auf fehlende Familienmitglieder warten.

Nach einer kurzen Besprechung zu den Möglichkeiten, 1. Richtung Vámosszabadi zu fahren oder 2. doch Leute aus Györ mitzunehmen, entschieden sich alle, trotz möglicher Probleme mit der ungarischen Polizei, mitzufahren und Leute von der Straße aufzuklauben. Mittlerweile regnete es leicht, hörte aber schnell wieder auf. Ich sagte den Leuten, sie sollten nicht gleich die ersten Flüchtlinge mitnehmen, das seien wohl die jungen und starken Einzelmännchen, und dass ich es für wichtiger halte, kleine Kinder und kranke Leute mitzunehmen. Obwohl natürlich alle gerettet werden sollten und jeder und jede frei ist, wen auch immer mitzunehmen.

Der Weg nach Vámosszabadi ist sehr gut ausgeschildert, weil gleich dahinter ein Grenzübergang zur Slowakei liegt. Laut Wegweiser ist es nach Vámosszabadi 10 Kilometer, zur slowakischen Grenze 22. Das Flüchtlingslager liegt aber weit näher an der Grenze als am Dorf, also fast 20 Kilometer vom Györer Zentrum weg. Ich saß im letzten Auto, wir fuhren eine Weile dahin, bis wir die ersten Leute sahen. Das waren natürlich die jungen, gesunden (wenigstens dem Augenschein nach) Einzelmännchen. Bald stand der ganze Konvoi und ein reges Einsteigen begann.

Ich rannte also einmal zum Anfang des Konvois und verhinderte erfolgreich, dass alle sich die Autos mit den jungen Männern voll füllten. Da war ich recht resolut und grantig, aber Reiseleiterin. Wir produzierten einen ordentlichen Stau, was der vorbeifahrenden Polizei ganz offensichtlich wurscht war, nicht so den Slowak*innen auf dem Weg zur Grenze. Unser Auto fuhr ab jetzt wieder als erstes. Je weiter wir fuhren, desto trauriger waren die Gruppen anzusehen, die uns entgegenkamen, die letzten begleitet/bewacht von der Polizei mit blinkendem Blaurotlicht. Kurz vor dem Flüchtlingslager, vor dem mehrere Polizeifahrzeuge blinkten, drehten wir um. Da warteten wir auf weitere Autos und wollten nun die letzten zuerst einladen (ach, wie biblisch das echte Leben sein kann).

Beim Hinfahren fiel mir eine Frau mit drei Kinder auf, die ganz allein zwischen größeren Gruppen unterwegs war. Die wollte ich einladen (was für ein doppeldeutiges Wort), falls wir nicht noch traurigere Grüppchen fanden. Wir blieben also bei ihr stehen, direkt vor der Polizei, und fragten, ob sie mitfahren wollte. Sie wollte nicht. Mein rudimemtäres Arabisch (über arabische Grammatik und Poesie kann ich stundenlange Vorträge halten, mit syrischen Flüchtlingen kann ich gerade einmal das Allereinfachste reden. Das kommt davon, wenn man in Wien Arabistik studiert) reichte gerade dazu, herauszufinden, dass sie ihren Mann und noch zwei Kinder verloren hatte. Im Auto hinter uns war zum Glück eine Dolmetscherin, die ich zu Hilfe holte. Die Syrerin hatte auch kein funktionierendes Handy und kein Geld. Geld wollten wir sowieso nicht, der Konvoi fährt für seine Gäst*innen gratis.

Die Kinder schliefen fast im Stehen ein, die Frau weinte, ließ sich aber von der Dolmetscherin zum Mitfahren überreden, weil sie uns schließlich glaubte, dass sie vom Westbahnhof aus, wo es eine Stelle gibt, die Leute sucht, ihren Mann und ihre Kinder früher finden würde, als hier auf der regennassen Landstraße. Die Familie wurde irgendwo in Ungarn, wo, das wusste sie nicht, getrennt in Busse verfrachtet, die ganz offenbar zu verschiedenen Flüchtlingslagern fuhren. Wir hatten nun vier, statt der erlaubten drei Personen im Auto. Da wir von unseren früheren Fahrten wussten, dass sich niemand genauer für uns interessiert, hielten wir das für unproblematisch und hofften, wir würden durchkommen. Ins Auto hinter uns wurde auch eine ganze Familie gepackt, aber das war ein Minivan. Mittlerweile rief ein Auto an, dass die drei Leute, die sie mitgenommen hatten, nun doch lieber nur nach Györ als nach Wien wollten. Eine Dolmetscherin hatte erfahren, dass einer Familie ein Mädchen fehlte, das irgendwo/irgenwie doch wieder gefunden wurde und mit zwei anderen Leuten ins nun wieder leere Auto einsteigen konnte. Wir hatten ausgemacht, uns entweder bei der OMV-Tankstelle gleich nach Györ zu treffen oder nach Wien durchzufahren. Ein paar Autos blieben noch beim Bahnhof stehen, um mitgebrachte Decken und Pullover unserer Frau am Bahnhof zu übergeben und uns abzumelden. Bei der Tankstelle trafen sich noch fünf Autos, in drei davon war eine Großfamilie untergebracht. Die anderen hatten sich abgemeldet. Das erste Auto war in Wien, bevor wir von der Tankstellen wegfuhren.

Wir nahmen „unsere“ Leute mit zu uns heim, weil wir meinten, eine Nacht in einem richtigen Bett, zu duschen und Wäsche zu waschen wäre sinnvoll für sie (wir klärten das natürlich mithilfe der Dolmetscherin). Daheim fielen sie sofort, fix und fertig und verzweifelt, ins Bett, das mein Sohn für sie räumen und frisch beziehen musste. Er richtete sich ein Nachtlager auf dem Fußboden im Wohnzimmer.

In der Früh waren sie entspannter, die größeren Kinder (5 Jahre, 10 Jahre) wollten nach dem Frühstück mit meinen Kaninchen spielen, das kleine (11 Monate schlief viel und war dazwischen munter und fröhlich. Aber kein Kind darf mit meinen Häslein spielen, sie wollen oft nicht einmal von mir gestreichelt werden. Die Wäsche der Kinder wurde in die Waschmaschine gestopft, sie selber in irgendein Gewand gesteckt, während von einer anderen Flüchtlingsfamilie, die auch bei Konvoi-Leuten geschlafen hatte, die Wäsche zum Trocknen gebracht wurde. Bis zum Mittagessen war die gesamte Wäsche fertig, und als alle angezogen waren, fuhren wir zum Westbahnhof. Die Kinder begeisterten sich fürs Lift- und Rolltreppenfahren.

Am Westbahnhof, wo ein unglaubliches Gewurl herrschte, gingen wir zu Gleis 1, dem Hotspot für Flüchtlinge. Und trotz der vielen vielen Leuten, die dort waren, kam sofort ein Dolmetscher auf uns zu und begrüßte uns. Wir besprachen die Lage kurz, ich bot an, die Familie könnte wieder zu uns kommen, falls sie das wollte, hinterließ meine Telefonnummer und verabschiedete mich. Der Dolmetscher sagte, er würde mich bis 16 Uhr anrufen, falls nicht, so wäre alles in Ordnung. Er hat nicht angerufen, ich hoffe, es geht ihnen gut und sie haben Vater und Geschwister gefunden.

Gerade als ich von Gleis 1 in die Halle zurückkam, brachte eine andere Konvoi-Teilnehmerin ihre Übernachtungsgäst*innen.

Fazit: Wir haben das ziemlich gut gemacht.

Unbeantwortete Frage: Warum bringt die ungarische Polizei Flüchtlinge ins Niemandsland hinter Vámosszabadi, nur um sie von dort nach Györ zu Fuß gehen zu lassen?