„Tag der Vereinten Nationen für die Rechte der Frau und den Weltfrieden“

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„Tag der Vereinten Nationen für die Rechte der Frau und den Weltfrieden“

von Judith Hofer

 

Kopenhagen, 1910:  „Im Einvernehmen mit den klassenbewussten politischen und gewerkschaftlichen Organisationen des Proletariats in ihrem Lande veranstalten die sozialistischen Frauen aller Länder jedes Jahr einen Frauentag, der in erster Linie der Agitation für das Frauenwahlrecht dient. […] Der Frauentag muß einen internationalen Charakter tragen und ist sorgfältig vorzubereiten.“

 

 

Man könnte meinen, dass der „Weltfrauentag“ gerade in den Regionen seiner Entstehung (USA 1909, Dänemark, Deutschland, Österreich-Ungarn und Schweiz 1911), nur noch ein reiner Gedenktag sein kann. An die Ungleichbehandlungen früherer Zeiten und die Kämpferinnen und Aktivistinnen, die sich dagegen erhoben haben.

Aber nicht nur, dass die Ziele, die über das ursprüngliche Anliegen des Frauenwahlrechts hinaus formuliert wurden, längst nicht erreicht sind, stehen wir jetzt vor einer erstaunlichen Tendenz zur Rückentwicklung.

 

Aufgrund des beharrlichen Widerwillens der konventionellen Politik, die Wirtschaftsform, die zur regelrechten Etablierung „der Krise“ geführt hat, grundlegend zu ändern, damit sich tatsächlich Türen zu neuen Ideen/Wegen öffnen können, stehen auf einmal längst geschlossene Pforten in unserem Rücken wieder offen.

Eine „konservative Revolution“ bahnt sich an.

 

Die nationalistischen Bestrebungen der Rechtsparteien beinhalten nicht nur Schlagworte wie Grenzzäune oder Einwanderungsstopp. Dieses Konzept der Rückkehr beinhaltet ein ganzes Wertesystem, das selbstverständlich das Familienbild und die Rolle der Frau inkludiert. Und nicht genug damit, besinnen sich, bei diesem günstigen Wind, auch die konservativen Kräfte mehr und mehr ihrer diesbezüglichen Wurzeln und verzichten gerne auf die eine oder andere liberale, demokratische Errungenschaft.

 

Ich persönlich empfinde es als „irritierend“, in puncto Feminismus und genereller Gleichberechtigung, jetzt nicht mehr nur nach vorne blicken zu können, sondern auch ständig einen Blick über die Schulter werfen zu müssen, um zu überprüfen, wie nah die Möglichkeit eines Rückschritts schon gekommen ist.

 

 

Warum können wir über diese geradezu lächerlichen „Retro-Fantasien“ nicht einfach nur den Kopf schütteln, lachen und weitergehen – heute – im 21. Jahrhundert?

Weil es sich hierbei nicht nur um einen „ideologischen Spleen“ des internationalen, rechtskonservativen Lagers handelt, sondern, weil es dafür auch eine wirtschaftliche „Berechtigung“ gibt (zumindest nach der Logik aller jener Autoritäten, die sich noch krampfhaft an die letzten Atemzüge des neoliberalen Wirtschaftskonzepts klammern).

 

Die ehemalige Frauenministerin Maria Rauch-Kallat hat diesen „Backlash“ treffend beschrieben: „Die Männer sind draufgekommen, dass jede Position für eine Frau, eine weniger für einen Mann ist. In Zeiten hoher Arbeitslosigkeit und in Zeiten, wo auch Führungspositionen weniger werden, ist der Konkurrenzkampf einfach größer geworden.“

 

Es geht also (wirtschaftspolitisch) nicht mehr „nur“ um gesellschaftliche und arbeitsrechtliche Veränderung in Richtung Fairness, Gerechtigkeit und Solidarität – es geht jetzt auch um den Kampf um die letzten guten Positionen, die letzten Futtertröge, um Arbeitsplätze in Bereichen, zu denen Frauen ohnehin schon erschwerten Zugang haben.

Kein Wunder also, dass neuerdings immer wieder traditionelle Familienkonstellationen als die einzig schützenswerten gepriesen werden. Kein Wunder, dass das Recht der Frauen auf Selbstbestimmung erneut torpediert wird.
Dass, nebenbei erwähnt, der Frauenanteil im Nationalrat bei geringen Schwankungen seit dem Jahr 2002 bei etwa 30% stagniert, wird sich auf diese Entwicklung auch nicht gerade positiv auswirken.

 

Umso wichtiger ist es nun für alle Feministinnen und Feministen, nicht „erschüttert“ stehenzubleiben und zu beobachten, was passiert, solange, bis es passiert. Aktivität ist nach wie vor, und gerade jetzt wieder „angesagt“.

 

Immerhin – für eine völlig regressive Entwicklung ist es glücklicherweise längst zu spät.

Margarete Stokowski zitiert in ihrem Buch „Untenrum frei“ die amerikanische Schriftstellerin und Journalistin Rebecca Solnit:

„Die Idee, dass Frauen gewisse unveräußerliche Rechte haben, lässt sich nicht mehr so leicht aus den Köpfen vertreiben. […] Es sind die Ideen, die nicht mehr in den Krug zurückzubringen sind. Und Revolutionen entstehen in erster Linie aus Ideen.“
In einem Interview mit der WOZ empfiehlt M. Stokowski das Bäumefällen, weil es Dinge sind, die „jahrzehntelang gewachsen und gereift sind. Wenn du vor dem zu fällenden Baum stehst, dann unterschätzt du manchmal, wie lang er sein wird, wenn er vor dir liegt.“ Es sei „so ähnlich, wie wenn man sich mit der Zeit Freiheiten erschließt. Erst hinterher merkst du, was du gewonnen hast.“

 

 

Ich denke, es ist wieder mal an der Zeit, sich ein paar der besonders alten, „überreifen“ Bäume vorzuknöpfen…

 

 

Happy women´s day!